Der Pflanzenname Telepbion kommt bei Nikander,
Dioscorides, Galen, Plinius und andern alten Schriftstellern
vor ; er scheint auf ein und eben dasselbe Gewächs
bezogen werden zu müssen; wenigstens sind mir
keine zureichende Gründe bekannt, die eine verschiedene
Deutung erheischten.
Fragen wir nun , welche Pflanze ist dies Telepbion?
so erhalten wir verschiedene Antworten, von
denen ich einige mittheilen und die Pflanzen der alten
Botaniker gleich mit den neueren systematischen Benennungen
bezeichnen will.
1) Sedum Telephium L. nach Ruellius, Mathiolus,
Fuchs, Dodonaeus und Andern,
2) Zygophyllum Fabago L. Fabius Columna,
3) Ornithopus scorpioides Caesalpin ,
4) Sedum Anacampseros L. ist das hippokratische
Telephion. Sprengel, 5) Sedum Rhodiola L. ist das Telephion des Nihander,
6) Cerinthe minor L. ist das Telephion des Dioscorides.
Wenn Männer von so ausgezeichnetem Scharfsinne
wie Mathiolus , Cäsalpin und Sprengel so abweichende
Meinungen haben, dann wird man es natürlich finden,
dass ich auf die meinige keinen Werth lege; ich füge
sie nur bei, weil vielleicht ein Leser sie hier erwartet.
Die Beschreibung des Dioscorides ist so abgefasst
, dass sie recht gut auf ganz verschiedene Pflanzen
gedeutet werden kann , weswegen ich es für nöthig
halte auch die Gebrauchsweise mit zu berücksichtigen;
hier ist nun zu wissen, dass man die Blätter auf
vom Aussatze herrührende Flecken legte, die nach
mehreren Stunden davon verschwinden sollen ; zu diesem Gebrauche rühmt sie auch Galen, der noch überdem
sie bei schlimmen Geschwüren anwendet. Plinius
empfiehlt sie ebenfalls bei dem Aussatze, so wie zur
Heilung der Fisteln. Die Hippokratiker gebrauchen sie
da, wo nach ihnen auch Canthariden , Anemone und
ähnliche Mittel angezeigt sind. Alles dieses scheint zu
dem Schlusse zu berechtigen , dass Telephion eine scharfe
Pflanze seyn müsse, folglich Cerinthe minor und
Zygopbyllum Fabago dahin nicht gerechnet werden
können ; von den rothmachenden Kräften des Ornithopus scorpioides erzählt zwar Cäsalpin ein artiges Geschichtchen
, allein sie sind doch weiter nicht bestätigt,
und es stünde diese Eigenschaft unter den Leguminosen
vereinzelt da. Der Schluss auf ein Sedum scheint mir
der natürlichste , wobei ich nicht umhin kann zu bemerken
, dass Dioscorides sagt, man nenne es auch Telephion, es habe
Portulakblätter, und seye sehr scharf. Dieses Dritte
ist aber offenbar Sedum acre L. wofür ich
auch das hippokratische Telcphion halte, und die fernere
Untersuchung über die erste Pflanze des Dioscorides,
als nicht weiter hierhergehörend, übergehe.
Die Hippokratiker gebrauchten das Telephion in
Pessarien zur Beförderung der Menstruation und bei
hysterischen Zufällen."
(J.H.Dierbach: Die Arzneimittel des Hippokrates, 1824)