"Feniculum (Foeniculum capillaceum). Der Fenchel hat eine angenehme Wärme und ist weder trocken noch kalt, schadet auch roh genossen dem Menschen nicht. In jeglicher Zubereitung heitert er den Menschen auf, bewirkt wohlthuende Wärme und Schweiss und befördert die Verdauung. Auch der Same ist nützlich und erhöht die Heilwirkung anderer Arzneien. Nüchtern täglich genossen, mindert der Fenchelsame den Schleim, vertreibt den stinkenden Athem und macht die Augen klar. Gegen Schlaflosigkeit mache man im Sommer einen Umschlag aus gekochtem Fenchel und Schafgarbe um Kopf und Stirn, im Winter aus gekochtem Fenchelsamen und Schafgarbenwurzel, lege auch gepulverte Salbei mit Wein angerührt um den Hals und auf das Herz. Gegen das Graue oder Dunkeln im Auge stosse man Fenchelkraut oder Fenchelsamen, nehme zu dem Saft den Thau von den Gräsern, mache mit etwas Weizenmehl einen Teig und lege ihn nachts über die Augen. Gegen schmerzhaften Nasenschleimfluss soll der Rauch von Fenchel und Dill, welche auf einem glühenden Dachziegel gestreut sind, eingesogen, die erhitzten Kräuter selbst zum Brote gegessen werden; dies geschehe vier bis fünf Tage hindurch. Wer von Melancholie geplagt wird, soll Kopf, Schläfe und Brust mit Fenchelsaft einreiben. Bei entzündlicher Anschwellung des männlichen Gliedes soll eine Salbe aus Fenchel, etwas Bockshorn und Kuhbutter aufgelegt werden. Bei schwerer Geburt soll der Gebärenden um Rücken und Schenkel ein warmer Umschlag von Fenchel und Asarum (Glechoma hederacea?) oder sonstigen angenehmen (suaves) Kräutern gemacht werden. Zur Befestigung der Gesundheit überhaupt soll man Fenchelsamen, die Hälfte dessen Galanga, die Hälfte dessen Diptam, die Hälfte dessen Pilosella gepulvert mit warmem Wein nach der Mahlzeit nehmen. Wenn die Schafe krank zu werden beginnen, gebe man ihnen ein Decoct von Fenchel und Dill zu saufen."
(Hildegard von Bingen: Physica (Liber simplicis medicinae), 1150 - 1160)