"Vielfältig werden die Früchte des Feigenbaums, Ficus Carica L., in der Mythologie der Griechen und Römer genannt, und er ist daher in dieser Hinsicht ein höchst interessantes Gewächs.
Nach Sosibius Lacon schrieb man, wie Athenaeus berichtet, die Auffindung des Feigenbaumes dem Dionysos zu, und die Lacedämonier vereinten deshalb einen Bachum Syciten (Sykos im Griechischen die Feige), und mehrere andere Beinamen des Weingottes deuten zugleich auf die Feige hin. Diese war insbesondere für die Athenienser eine wichtige Frucht, indem man behauptete, sie sey ihre Hauptnahrung gewesen, ehe noch der Getreidebau eingeführt war; auch führte die Stadt Athen eine Feige in ihrem Schilde oder Zeichen.
Bei den Atheniensischen Bachus-Mysterien wird häufig der Feigen gedacht, die in Körben dargebracht wurden.
Bei den älteren Athenern waren diese Körbe golden, und wurden von Mädchen getragen , die so eben in das Alter der Mannbarkeit eintraten. Die Canophoren hatten Schnüre mit trockenen Feigen um den Hals. Auch der dabei in der Kiste befindliche Phallus war von Feigenholz, auf Fruchtbarkeit und Fortpflanzung deutend.
Dionysos kommt bisweilen mit Feigenblättern gekrönt vor, und zwar besonders noch darum, weil eine von ihm geliebte Nymphe, Syce genannt, in einen Feigenbaum verwandelt worden sey. Die Erstlinge des Jahres, welche der Feigenbaum brachte, wurden dem Bachiis geopfert.
Am ersten Januar opferten die Römer nicht nur den Göttern Feigen, Datteln und Honig, sondern sie machten auch ihren Freunden Geschenke damit, auf dass die ersten Tage des Jahres mit lieblichen und freundlichen Anspielen beginnen möchten. Hier also der Ursprung der noch bis auf den heutigen Tag üblichen Neujahrsgeschenke.
Eine alte Mythe berichtet, Phytalus habe die Ceres gastfreundlich aufgenommen; aus Dankbarkeit sey er dann von der Göttinn mit dem Feigenbäume beschenkt worden. — Bei der Feier der Eleusinien liessen sich die Eingeweihten nahe an dem Orte nieder, wo man zuerst den nützlichen Baum entdeckt haben will. Nach Pausanias begann die Kultur desselben zuerst in Attika bei Cephissus. Berühmt ist auch jener Feigenbaum bei Rom, unter welchem die Wölfinn den Romulus und Remus gesäugt hatte und der Ruminalis hiess.
Noch existirt eine andere Mythe, nach welcher ein Riese, Sicaeus genannt, von Jupiter verfolgt, aber von der Rhea in einen Feigenbaum verwandelt wurde; eine Stadt in Sicilien soll deshalb Sicaea heissen. Pherenicus macht den Feigenbaum zu einer Tochter des Oxylus und einer Hamadryade.
Wenn die Cyrener dem Saturnus opferten, bekränzten sie sich, nach dem Berichte des Orpheus, mit frischen Feigen, weil sie den Kronos für den Entdecker dieses Baumes hielten, dessen Statuen daher auch selbst mit Feigen geschmückt wurden.
Juno hiess auch Caprotina, weil die römischen Frauen ihr unter einem Feigenbäume opferten (sub arbore caprifica) und die Zweige desselben mysteriös gebrauchten. Bei Hochzeitsfeierlichkeiten wurden Feigen in einer mystischen Schüssel oder dem Füllhorn aufgestellt, was aus dem oben Mitgetheilten seine Deutung erhält.
Dem Hermes oder Mereur war ebenfalls der Feigenbaum geweiht.
Nach Winkelmann könnte man die Geringschätzung durch eine Feige ausdrücken, wenigstens in warmen Ländern, wo im Ueberfluss diese Frucht ist; denn man sagt im Sprich Worte: ich achte es nicht einer Feige werth, es gilt keine Feige. Der bekannte Alex. Tassoni liess sich mit einer Feige in der Hand malen, und wollte damit andeuten, dass er von Diensten, die er grossen Herrn geleistet, keinen Vortheil gezogen, der nur einer Feige werth sey.
Grausam ist der Gebrauch der Athener, hei ihren Processionen zur Abwendung gefährlicher Seuchen arme verlassene Menschen beiderlei Geschlechts zu dergleichen Festen auf Kosten des Staats zu ernähren, und sie dann, weil sie die Sünden des Volks auf sich nehmen sollten, zu tödten. Diese Pharmaken wurden mit wilden Feigen behängen umhergeführt und dann von einem Felsen herabgestürzt.
Anmerkung. Mit einem Worte wenigstens ist auch der Maulbeerbaum (Morus nigra L.) anzuführen; er entstand, nach der Angabe der alten Dichter, in Babylon, aus dem Blute des Pyramus und der Thisbe, die sich entleibt hatten. Die vorher weisse Frucht soll nunmehr schwarz oder vielmehr dunkel roth geworden seyn."
(J.H.Dierbach: Flora Mythologica, 1833)