"Diß kraut so wir Teütschen Chamillen heyssen / ist in Griechischer und Lateinischer spraach genent Chamemelum / derhalben das sie ein lieblichen geschmack hat / wie ein öpffel. Welchs zwar von der weissen Chamillen fürnemlich zuverston ist.
Der Chamillen / wie Dioscorides klärlich anzeygt / seind dreierley geschlecht. Das erst hat weiß blumen / unnd würt der ursachen halben von den Griechen Leucanthemu geheyssen. Wir Teütschen mögens gebürlich nennen weiß Chamillen. Das ander geschlecht bringt goldgeel blumen / darumb die Griechen sölchs kraut Chrysanthemu nennen. Auff Teütsch würdt es geheyssen Goldtblum / Streichblum / oder geele Chamill. Das dritt geschlecht hat purpurfarb blumen / würt vom Dioscoride genent Eranthemon / derhalben das es in warmen landen im Lentzen am meysten blüet. Die Teütschen heyssens Rittersporn / darumb das seine blum einem rittersporn nit ungleich ist. Die Apotecker nennen diß kraut Consolidam regalem / derhalben das es wunden heylet.
Diser kreüter äst seind selten über ein spannen hoch / jhre stengel haben vil flügel / die äst aber seind dünn / auff welchen gewinnen sie runde blumen / welche inwendig goldgeel seind / aussen aber ringßumbher mit weissen / oder geelen / oder purpurfarben blettlin / in der Rautten bletter grösse / gezieret. Die bletter an den stenglen der zweyer geschlecht seind dem Dyllen nit unänlich. Das ander geschlecht aber hat bletter dem Reinfar oder Garbkraut gleich.
Wachsen gern im herten / trucknen / unnd magern erdtrich bey den wegen. Doch das erste unnd dritt / welche an den blettern einander auch nit ungleich seind / wachsen gemeynlich auff den feldern in den früchten.
Das erste und dritt geschlecht blüen in warmen landen und jaren / im Lentzen / und darnach auch widerumb im Herbst. Das ander geschlecht aber blüet im Brachmonat / da es auch die weiber samlen zu bestreichung unnd sterckung der betten / daher es auch Streichblum genent würt.
Die Chamillen alle wermen unnd trücknen im ersten grad / in sonderheyt die weisse.
Die wurtzel / blumen / unnd kraut wermen / machen subtil / unnd verzeren. Wann man darvon trinckt /
oder darinn badet / so bringen sie den frawen jre zeit / und treiben den harn / und stein.
Sie vertreiben die bläst und wind / auch den schmertzen der kleinen därm. Reynigen die geelsüchtigen /
unn seind nützlich den lebersüchtigen. Chamillen gesotten in wasser / und über die blasen gelegt /
linderen jren schmertzen. Das krefftigst under allen geschlechten / ist das mit den purpurfarben blumen.
Das erst aber unnd ander / treiben den harn krefftiglich. Chamillen übergestrichen /
heylen die fistel der augen. In wasser gesotten / und im mund behalten / vertreiben sie die mundfeule.
Chamillen öl würt auch nützlich gebraucht zu den clystiern die man im fieber gebraucht.
Es lindert auch allerley schmertzen / und nimpt hinweg die müde der glider. Was spannet und getänet ist /
dasselbig macht es luck / und was verhertet ist / dasselbig linderts unn erweychts widerumb.
Alles auch das verstopfft und dick ist / das eröffnets unn machts dünn.
Man mag aber auch die Chamillen eins quintlin schwer zetrincken geben denen so von den natern gebissen seind /
dann sie jhnen seer nützlich ist. Das geschlecht mit den purpurfarben blumen ist fürtreffenlich gut und krefftig zu dem stein /
unnd den blöden dunckeln augen. Heylet auch die allten wunden und schäden / zerstossen und darüber gelegt."
(Leonhart Fuchs: Das Kräuterbuch von 1543)