"Wirkweise, Anwendung: Hyperämisierend wirkende Arzneistoffe sind gewebereizende Stoffe, die aber - im Gegensatz zu den blasenziehenden, nekrotisierenden oder ätzenden Stoffen - lediglich Hyperämie und Rötung (Erythem) hervorrufen: Begleitet wird die Applikation hyperämisierend wirkender Arzneistoffe von subjektiv wahrnehmbaren Sesnsationen in Form von Wärmegefühl, Brennen, Juckempfindung sowie u.a. auch leichtem Schmerz.
Das einfachste, billigste und am häufigsten verwendete Hautreizmittel ist die Wärmehyperämie, wie sie sich mittels Wärmflaschen und Heizkissen, durch Auflegen eines Heublumensacks oder eines Kataplasmas erzeugen lässt. Eine weitere Möglichkeit ist physikalisch-mechanischer Natur: durch Massagen (Refelexzonenmassage), Reiben und Bürsten. Alle dise lokalen Hyperämieverfahren haben eines gemeinsam: Sie greifen zwar zunächst nur lokal im Bereich der Haut an, was aber eigentlich erreicht werden soll, sind therapeutische Wirkungen auf Gewebe und Organe, die weitab von der Applikationsstelle liegen. Diese Fernwirkungen sind im wesentlichen reflektorischer Natur. Über die Reizung von Hautrezeptoren, die Teil des animalischen Nervensystems sind, können Reflexe des autonomen Nervensystems ausgelöst werden. Zwischen welchen Hautarealen (Head-Zonen) und welchem inneren Organ reflektorische Verbindungen bestehen, ergibt sich aus der segementalen Innervation: Liegt die sensibel Nervenversorgung des Hautareals in Rückenmark auf der gleichen Segmenthöhe wie die vegetative Innervation eines inneren Organs, beeinflussen diese sich wechselseitig. Ein Beispiel: Angina- pectoris-Schmerz strahlt in den linken Oberarm aus; umgekehrt lassen sich pektanginöse Beschwerden durch ein warmes Armbad günstig beeinflussen. Verallgemeinernd lässt sich sagen: Hyperämisierung eines Hautareals führt zur besseren Durchblutung des der Head-Zone entsprechenden inneren Organs, und in der dem entsprechenden Rückenmarksegment zugehörigen Muskulatur löst sich eine erhöhte Muskelspannung auf.
Ein weiteres Anwendungsgebiet für Hautreizmittel sind schmerzhafte Zustände bei Neuralgien, Myalgien, Verstauchungen, Zerrungen, Prellungen, Sportverletzungen, Ischias, Muskel- und Gelenkrheumatismus. Die Wirkungsweise bei diesen Indikationen ist unbekannt; möglicherweise spielt in einigen Fällen das Phänomen der Schmerzverdeckung eine gewisse Rolle."
(Ernst Steinegger, Rudolf Hänsel: Lehrbuch der Pharmakognosie und Phytopharmazie, Springer-Verlag, 1988)