"Die Erve [Ervum Ervilia L. Vicia Ervilia Willd.],
obgleich sie nach einigen Floren in Teutschland wild
vorkommen soll, ist doch als Nahrungspflanze jetzt nur
sehr wenig bekannt. Bei den Alten wurde sie nicht
nur für Menschen gebraucht, sondern auch hauptsächlich
Pferde und Rindvieh damit gefüttert, wie selbst
aus einer Stelle in den hippokratischen Büchern erhellt und dies auch unter andern von Plinius bezeugt wird, nach welcher sie eigentlich keine
Speise für Menschen ist. Die meisten anderen Schriftsteller,
welche von dieser Pflanze reden, warnen vor
ihrem Gebrauche , indem sie bei Menschen sowohl als
Thieren sehr gefährliche Wirkungen äußere, ein
Umstand, der den Alten nicht unbekannt war, wie
man aus den Schriften des Plinius sowohl, als des Palladius
Rutilius lernen kann. Die nachtheiligen Wirkungen
der Erve scheinen aber durch Einweichen in Wasser
, was man auch mit der Lupine thut, vermieden
werden zu können : davon spricht Plinius ausführlich,
und auch Dioscorides erinnert, man könne Ochsen mit
Erven mästen, wenn man letztere vorher ausgelaugt
habe, ein Verfahren, das die Neuern gewiss außer
Augen gelassen haben, die Alten aber wahrscheinlich
immer beobachteten.
Die Erve war im Alterthume ein sehr hochgeschätztes
Medikament, das man sogar der Brassica
gleich achtete. Durch Erven wurde Kaiser Augustus
von einer Krankheit wieder hergestellt. Erven mischte
man zu dem berühmten Theriak des Antiochus ; sie
wachst in Griechenland nicht nur wild , sondern wird
noch immer angezogen.
Die Hippokratiker sagen von der weißen Erve,
sie sey ein kräftiges Mittel, das gut nähre, stopfe und
dem Menschen ein gutes Ansehen hervorbringe .
Ein im Wasserbade bereitetes Ervendekokt kalt , mit
Melonensaft getrunken, wird als ein vorzügliches, durststillendes
Mittel empfohlen . Ein auf besondere Art
aus Erven zubereitetes Getränk mit Leinsamen , Sesam
und Geisenmilch wurde gegen Magerkeit angewendet. Aeußerlich brauchte man das Dekokt gegen
Epheliden . Bei gichtischen Rückenschmerzen machte
man Bähungen mit Erven auf den leidenden Theil."
(J.H.Dierbach: Die Arzneimittel des Hippokrates, 1824)