"Enzianwurzel: Die Droge besteht aus den im Frühjahr gegrabenen und möglichst rasch - ohne dass fermewntative Prozesse in Gang kommen - getrockneten Wurzeln und wurzelstöcken verschiedener europäischer Gentiana-Arten. In Frage kommen: Gentiana asclepiadea, G. lutea, G. pannonica, G. punctata, G. purpurea. Alle genannten Gentiana-Arten gehören in den meisten Ländern zu den unter Naturschutz stehenden Pflanzen. Nach dem DAB 9 ist nur die von G. lutea stammende Wurzel zugelassen, die in Frankreich, Spanien und den Balkanländern gegraben werden darf. Die G. lutea ist außerdem als einzige der zur Drogengewinnung genannten Gentiana-Arten kultivierbar.
Geruch: dumpfigerdig, wird auch als eigenartig süßlich beschrieben. Geschmack: zunächst schwach süßlich, dann anhaltend und intensiv bitter.
Inhaltsstoffe: Aromastoffe, Bitterstoffe vom Secoiridoidtyp mit Gentiopikrosid (syn. Gentiopikrin) als Hauptkomponente, Phytosterine, Xanthonderivate, Zucker, Polysaccharide und mineralische Bestandteile.
Verwendung: Grob geschnitten als Bestandteil von Teemischungen, fein geschnitten für ein Infus (1-2 g pro Tasse Wasser), fein pulverisiert (100-300 mg) in Tabletten oder Dragees; weiters als Tinktur, als Extrakt und zur Herstellung von Enzian oder Enzianbranntwein.
Wirkung: Die Bitterstoffe intensivieren auf reflektorischem Weg von den Sinnesorganen der Mundhöhle aus die Magensaftsekretion. Sie induzieren reflektorisch zugleich die Ausschüttung von Galle ins Duodenum (cholagoger Effekt). Auf den Kreislauf haben Enzianzubereitungen eine Wirkung, wie sie nach schneller Magenfüllung mit Speise und Flüssigkeit beobachtet werden kann. Es kommt zu einer schlagartigen Senkung des Herzminutenvolumens, was eine Entlastung des Kreislaufs bedeutet. Allerdings hält dieser Effekt nur wenige Minuten lang an. Enzianbitterstoffe enthaltende Arzneimittel sind indiziert bei Appetitmangel, besonders im Gefolge von Infektionskrankheiten.
Unerwünschte Wirkungen: Gelegentlich können bei empfindlichen Personen Kopfschmerzen ausgelöst werden. Bei Überdosierung Brechreiz bis Erbrechen möglich."
(Ernst Steinegger, Rudolf Hänsel: Lehrbuch der Pharmakognosie und Phytopharmazie, Springer-Verlag, 1988)