"Dasselbe Verhältnis, das bei den Laurineen sich findet, hat auch bei den Myrtaceen statt. Diese, wie jene, kommen vorzugsweise in den heissesten Gegenden der Erde vor, und besonders hat das tropische Neuholland einen Ueberfluss an Myrtaceen, die mit zu den schönsten Gewächsen des Erdbodens gehören. Europa besitzt nur eine einzige Species, und auch diese ist lediglich auf die südlichen und wärmeren Gegenden beschränkt, und muss schon in Deutschland des Winters über in den Häusern gepflegt werden. Es ist

Die Myrte der Venus oder Aphrodite, Myrtus communis L., ein allbekannter Strauch oder Bäumchen, das daher keiner näheren Beschreibung bedarf. Von der Entstehung der Myrte hatten die Alten folgende Mythe : Myrsine, eine Nymphe aus Attica von ausgezeichneter Schönheit und Stärke, Freundin der Pallas oder Minerva, ja übertraf selbst diese an Gewandtheit im Laufen und Ringen. Die Göttin, darüber ungehalten und eifersüchtig auf das schöne schlanke Mädchen, tödtete dasselbe ; aus ihrem Leichnam entsprosste der Myrtenbaum, den nachher Minerva immer liebte, und so oft sie ihn sah, reuevoll an die einst Geliebte sich erinnerte.
Die Myrte, ein Symbol der Schönheit und Jugend, ist der allbekannten Göttin aus Paphos geheiligt, die unbekleidet aus den Meeresfluthen auf der Insel Cythera ans Land steigend, sich hinter einen Myrtenbaum verbarg.
Bei den Festen im Anfang des Monats April, der der Venus gewidmet war, bekränzte man sich mit Myrte. Bei den Hochzeiten trugen Braut und Bräutigam Myrtenkränze, und zwar aus Zweigen jener seltneren und zärtlichen Varietät, die sich durch breitere Blätter auszeichnet, Myrtus conjugula wie sie Cato nennt, oder die latifolia des Plinius und der neueren Botaniker.
Schon früher wurde erinnert, dass die Phantasie des Alterthums die Unterwelt mit einer immergrünen Vegetation ausstattete, daher darf es uns nicht wundern, auch dort die Myrte anzutreffen ; sie bildet da die Schattengänge, wo jene Trostlose wandeln, denen eine allzuheftige Liebe das Leben verkürzte.
Die Grazien, Begleiterinnen der Venus, werden öfters mit Myrtenkränzen umwunden dargestellt, und Erato, die Muse der erotischen Gesänge, trägt einen Myrtenkranz; aber auf den Altar der Bona Dea durfte man keine Myrte bringen, obgleich er sonst mit Blumen aller Art ausgeschmückt wurde, denn die Myrte erinnere allzusehr an das sinnliche Vergnügen.
Bei der Feier der Eleusinien bekränzten sich die Priester mit Myrte, so wie denn auch bei demselben Feste der junge Jakchos (Bachus), mit einer Myrtenkrone geziert, nach Eleusis getragen wurde. Auch in dem innern Heiligthum zu Eleusis war die Göttinn mit Myrte bekränzt.
Bei den Spielen der Freiheit (Eieutherien) wurden mit Myrtenkränzen beladene Wagen in Procession geführt.
Auf Kreta feierte man der Europa ein Fest, Hellotia genannt, wobei mit feierlichem Gepränge ein Myrtenkranz, zwanzig Ellen lang, umher getragen wurde.
Myrten brauchte man, gleich dem Lorbeer, als ein Reinigungsmittel ; namentlich benutzten sie dazu die Römer und Sabiner nach dem bekannten Jungfernraube.
Apoll wird bisweilen mit einem Myrtenzweig dargestellt gefunden, weil dieses Gewächs zur Wahrsagerei beförderlich gehalten wurde.
Auch bei Triumphen diente die Myrte, und eine solche Krone hiess Corona ovalis. Posthumus Tubertus erhielt zuerst eine solche; sie wurde dann zuerkannt, wenn der Sieg kein Blut gekostet hatte. Unwillig wies M. Crassus, nach einem glücklichen Feldzuge, die ihm angebotene Myrtenkrone zurück; und der Senat hielt für gut, ihm eine andere aus Lorbeer zu gestatten.
Interessant ist die Mythe von der Gattinn des Theseus, der unglücklichen Phaedra. Mit günstigen Augen sah sie ihren Stiefsohn Hippolytus an, der aber ihre Liebe verschmähte. Beleidigt verläumdete sie ihn bei seinem Vater, und dessen Fluch folgte dem Verkannten und unschuldig Verfolgten. Auf seiner Flucht wurden die Pferde scheu, der Wagen fiel um, wobei Hippolyt verwundet und getödtet wurde. Gram verzehrte nun die reuige Phaedra; in ihrer Schwermuth durchstach sie die Blätter eines bei Troezen stehenden Myrtenbaumes und erhängte sich dann selbst.
Und noch bis auf den heutigen Tag sieht man die Nadelstiche der hoffnungslosen Phaedra, wenn man ein Myrtenblatt gegen das Licht hält. Zahllose Punkte (mit ätherischem Oel gefüllte Drüsen, wovon der aromatische Geruch abhängt) bedecken dasselbe. Auch bei vielen Arten von Melaleuca, Citrus u. s. w. kommen diese Punkte vor, und sehr deutlich noch bei dem gemeinen Johanniskraute , welches deshalb von Linne das durchstochene (Hypericum perforatum) genannt wurde.
Auch Hymenaeus, der Sohn des Dionysos und der Aphrodite, der Gott der Ehe, wird als ein schöner Jüngling, mit einem Myrtenkränze auf dem Kopfe und einer Fackel in der Hand, dargestellt."
(J.H.Dierbach: Flora Mythologica, 1833)