"[I.132. - Ueber Lykion.] - Rhamnus infectoria (Rhamnaceae) - Färber-Wegdorn; Lycium europaeum
Lykion, welches Einige Pyxakantha nennen, ist ein dorniger Baum mit
3 Ellen langen oder noch grösseren Zweigen, um welche die buxbaumähnlichen Blätter dicht stehen. Er hat eine dem Pfeffer ähnliche schwarze,
bittere, harte und glatte Frucht und eine gelbliche Rinde, ähnlich dem verdünnten Lykion, viele, breite und holzige Wurzeln. Er wächst sehr häufig
in Kappadokien, Lykien und vielen anderen Gegenden; aber er liebt rauhe
Orte. Der Saft wird bereitet, indem die Wurzeln sammt dem Strauche
zerstossen, hinreichend viele Tage hindurch macerirt und gekocht werden,
dann nach Entfernen des Holzes die Flüssigkeit wieder bis zur Honigconsistenz eingekocht wird. Verfälscht wird er durch Zumischen von
Olivenhefe oder durch Wermuthsaft oder Ochsengalle während des
Kochens. Das, was beim Kochen schaumartig obenauf schwimmt, nimm
weg und bewahre es zu Augenmitteln auf, das Uebrige gebrauche zu
anderen Zwecken. In gleicher Weise wird auch aus der ausgepressten
und der Sonne ausgesetzten Frucht Saft bereitet. Am besten ist das
Lykion, wenn es angezündet wird und nach dein Auslöschen einen rötlichen Schaum hat, der von aussen schwarz, auf dem Bruche gelb, ohne
üblen Geruch, bitterlich, zusammenziehend und von safranartiger Farbe
ist; ein solches ist das indische, welcher; sich vor den übrigen auszeichnet
und kräftiger wirkt. Es hat zusammenziehende Kraft und vertreibt die
Verdunkelungen von den Pupillen. Es heilt auch die Krätze der Augenlider, das Jucken und alte Flüsse. Als Salbe wirkt es auch bei eiterigen
Ohren, bei Mandelentzündungen, Rissen im Zahnfleisch, gespaltenen
Lippen, Schrunden am After und beim Wolf. Wohlthuend erweist es
sich für solcher die am Magen und an Dysenterie leiden. Mit Wasser
wird es bei Blutspeien und Husten gegeben, den vom tollen Hunde
Gebissenen in der Pille oder mit Wasser als Trank. Es färbt die Haare
gelb, heilt Nebennägel, fressende und eiternde Geschwüre; im Zäpfchen
stellt es den Fluss der Frauen. Endlich auch hilft es mit Milch getrunken
oder als Bissen genommen den von wüthenden Thieren (Hunden) gebissenen. Man sagt aber, dass das indische Lykion aus einem Strauche
stamme, welcher Lonchitis genannt werde. Es ist eine Art Dorngewächs mit
aufrechten 3 Ellen langen und grösseren Zweigen, welche zahlreich aus
der Wurzel kommen und dicker sind als der Brombeerstrauch. Die aufgeritzte Rinde ist röthlich. Die Blätter sind denen des Oelbaumes ähnlich. Sein Kraut in Essig gekocht und getrunken soll Milzentzündung
und Gelbsucht heilen und die Reinigung der Frauen herbeiführen. Man
sagt, dass es ungekocht aber fein gestossen als Trank dasselbe leistet.
2 Mystra des Samens getrunken treiben das Wässerige aus und helfen
gegen tödtliche Gifte."
(Dioskurides: Materia Medica, Übersetzung von Julius Berends, 1902)