"Was dem Europäer sein Getreide, sein Weinstock
gibt, das reicht dem Bewohnev des wärmeren Asiens das
Palmengeschlecht, essbar und reichlich nährend sind die
Früchte oder die Datteln, und das Mark des Baumes
liefert ein schmackhaftes Broth der gegohrne Saft der
Stämme einen lieblichen Wein. Aber nicht als Nahrungsmittel
war den Griechen und Römern die Dattelpalme
Phoenix dactylifera L., wichtig — denn sie gedeiht im kälteren
Europa nicht — sondern als ein Baum, an den sich
wichtige Erinnerungen knüpfen.
Von Phönicien her scheinen die Griechen zuerst Kunde
von ihm erhalten zu haben, indem sie den Baum selbst
Phoenix nannten. Phönicier waren es, die im hohen Alterthum
die Buchstaben erfanden und die ersten Schriftzäge
auf Palmenblätter verzeichneten. Hellas dagegen
schrieb seinem Hermes die Erfindung der Schreibekunst
zu, und man deutete dies dadurch an, dass die Statuen
des Merkur sich gewöhnlich an einen Palmenstamm anlehnen.
Die Musen, insbesondere Klio, die Muse der Geschichte,
kommt mit Palmenblättern bekränzt vor ; und auch die Horen findet man mit Palmenblättern
geziert. Die Aegyptier drückten
durch einen Palmenbaum symbolisch die Idee des Jak
res aus ; denn in jedem Monat treibt dieser Baum neue
Blätterbüschel. Bei demselben Volke wurde in gewissen
feierlichen Aufzügen ein Palmenzweig als Symbol der
Astrologie von einem Priester getragen.
Die Palme ist das älteste und gewöhnlichste Symbol
des Sieges (Victoria), und bei den Griechen seit den Zeiten
des Theseus gebräuchlich, der die Sieger in den Spielen
bei Delos zuerst damit krönte. Schon Aristoteles und
Plutarch haben die Ursache angegeben, warum man gerade
die Palme als Siegeszeichen gewählt habe, weil
nämlich das Holz dieses Baumes, unter Lasten gestützt,
sich weder krümmt noch beugt, sondern allezeit gegen
das drückende Gewicht hin sich ausdehnt. Dieser besondere
Umstand ist in dem eigenen Baue des Stammes der
Palmen gegründet, deren Holz die Struktur der Endogenen
zeigend, in Längenbündeln liegt, wovon die äusseren
Theile die ältesten und härtesten, die innern dagegen
die jüngeren und weicheren sind. Ein ganz entgegengesetztes
Verhalten findet sich bei den europäischen Waldbäumen
und überhaupt bei den Stämmen der Exogenen;
die Gefässbündel liegen da in concentrischen Ringen ; das
innere Holz ist das ältere und härtere, das äussere dagegen
das jüngere und weichere.
Wie gebräuchlich die Palme als Siegeszeichen war,
beweisen schon manche sprichwörtliche Redensarten. Unter
den Konsuln L. Papyrius und Sp. Carvilius wurden zum
ersten Male bei den Römern wegen Eroberung der samnitischen
Städte Aquilonia und Caminium die Ehre der
Palmenkrone zuerkannt. Ein aus Palmenblättern verfertigtes
Kleid trug der Triumphirende, und aus Palmenholz
verfertigte man die Statuen, welche zur Ehre des Siegers
selbst errichtet wurden. Die Göttin des Sieges (Victoria)
hiess auch Dea palmaris, und wurde mit einem Palmenzweige
in der Hand vorgestellt.
Die Gerechtigkeit (Justitia) wurde von den Aegyptiern
durch eine mit der linken Hand dargereichte Palme vorgestellt.
Die Freiheit (Liberias) wurde ebenfalls mit Palmen
bekränzt abgebildet.
Der Wunsch einer glücklichen Reise ist in einer sitzenden
weiblichen Figur mit einer Palme in der linken Hand
gebildet, mit dieser auf einem Rade lehnend, und in der
rechten eine Peitsche haltend.
Auch in der christlichen Kirche ist die Palme nicht
ohne Bedeutung. Der Palmsonntag ist der eigentliche Beginn
der Osterfeier. Es ist der Einzug Christi in Jerusalem
unter dem Zujauchzen des Volkes. Die Strasse, auf
welcher er wie ein Sieger einherzog, war mit Gewändern
belegt und mit Palmen bestreut.
Noch weiht an diesem Tage die katholische Kirche die
Palmenzweige in Spanien und andern wärmeren Gegenden,
aber im kälteren Deutschland muss die Weide die Stelle
des orientalischen Baumes ersetzen, deren Blumen vom
gemeinen Volke mit dem Namen der Palmenkätzchen
bezeichnet werden.
Anmerkung. Noch waren dem Merkur das Fünffingerkraut,
Potentilla reptans L., und der Portulak Portulaca
oleracea L., gewidmet, ohne Zweifel nicht ohne besondern
Grund und im Einklänge mit den Eigenschaften, die das
Alterthum dem Hermes beilegte, den man auch den Gott
der Diebe, der Kaufleute u. s. w. nannte.
Das bei uns gemein wild wachsende Bingelkraut Mercurialis
annua L., wird auch dem Hermes zugeschrieben,
worauf wir unten bei den Heilpflanzen desselben zurück
kommen werden."
(J.H.Dierbach: Flora Mythologica, 1833)