"Haußwurtz nent man auch Donderbar / darumb das man vermeynet wo das kraut auff einem hauß wachse / da möge das wetter keinen schaden thun / noch der blitz unnd donder darin schlagen. In Griechischer spraach würdt es genent Aizoum / in Lateinischer Sedum und Sempervivu / derhalben das es allwegen sommer unnd winter grün bleibt / und von keinem wetter verseert würt. Diser nam ist in den Apotecken bliben.
Der Haußwurtz / wie Dioscorides anzeygt / seind dreierley geschlecht. Das erst würt genent groß Haußwurtz / darumb das es grössere bletter hat dann die andern geschlecht. Das ander nent man klein Haußwurtz. Bey den Griechischen würt es genent Trithales / darumb das im jar dreymal blüet. In Apotecken und bey den gemeynen kreütlern nent mans Vermicularem / darumb das jhre bletter rund seind / einem wurm nit ungleich / und Crassulam minorem. Dises andern aber geschlechts findt man zweyerley / eins mit geelen blumen / welches das mennlin ist. Das ander mit weissen blumen / ist das weiblin. Das dritt geschlecht nent man Katzentreüblin / oder Maurpfeffer / ettlich heyssen es Vermicularem minore / darumb das seine blettlin einem kleinem runden kügelechten würmlin gleich seind. Die groß Haußwurtz bringt ein stengel eines elnbogen hoch / feyßt und dick / jre bletter feyßt / eines daumens dick / und außgespitzt wie ein zünglin / ettlich biegen sich zu der erden / etlich stond gestrack unnd hart ineinander / machen einen circkel anzusehen wie ein aug / oder ein gefüllter stern. Auff den stenglen bringt es braun blumen neben einander gesetzt / die vergleichen sich einer offnen flachßbollen. Klein haußwurtz hat vil klein stengel von einer wurtzeln / voller kleiner / runden / feyßten / und außgespitzten blettlin / einer spannen hoch / die tragen oben geele unn weisse gestirnte blümlin. Das dritt geschlecht der Haußwurtz / genent Maurpfeffer / hat gar kleine blettlin / der gestalt nach dem wilden Burtzelkraut nit fast ungleich / doch mehr eine weytzenkorn gleich / harig / nit so seer spitzig als das ander geschlecht / gewindt auch geele gestirnte blümlin.
Die groß Haußwurtz wechst auff den heüsern / und allten mauren / tächern / und hohen gebirgen. Die klein wechst auch auff den mauren / unnd alten tächern / in den hohen wälden / dergleichen auff etlichen sandigen heyssen feldern und heyden. Das dritt an den steinigen orten bey den wassern / in den gruben / schattechten und sandigen orten. Die groß Haußwurtz blüet im Brachmonat und Hewmonat. Die kleine im Meyen und Brachmonat. Deßgleichen auch das Katzentreüblin.
Die groß und klein haußwurtz trücknen gar wenig / seind aber kalt im dritten grad. Das dritt geschlecht / wie Dioscorides unnd alle allte bewärte ärtzet anzeygen / ja wie das auch klärlich der geschmack / der do scharpff unnd räß ist / außweißt / ist warmer natur. Und zwar dieweil es genent würt Maurpfeffer / zeygt auch der name gnugsam an / das diß kraut räß sey wie pfeffer. Dieweil es aber an den mauren unnd felsen wechst / so heyßt es derhalben Maurpfeffer. Und kompt sölcher irthumb / on zweifel / daher / das die ungelerten kreütler die kleinen haußwurtz / mennlin genent / von disem Maurpfeffer nit haben künden underscheyden / dieweil sie beyde geel gestirnte blumen tragen.
Haußwurtz beyde groß und klein külen seer / und ziehen zusamen zimlicher weiß. Derhalben seind sie gut zu dem rotlauff / entzündung der augen / brandt / podagra / und geschwär die umb sich fressen / so man jre bletter allein / oder mit gerstenmaltz überlegt. Der safft mit gersten maltz und rosen öl vermengt und angestrichen / benimbt das hauptwee. Der safft getruncken / stellet die rot rhur / unnd den durchlauff oder bauchfluß. Mit wein jngenomen / treibt er auß die runden langen würm. Stellet den frawen jhre kranckheyt / an den heymlichen orten zusich genomen. Das dritt geschlecht Maurpfeffer genent / wermet / zerzert die haut / unnd frißt dieselbigen auff. So man seinen safft mit schmaltz vermengt anstreicht / vertreibt er geschwulst und kröpff. Mich wundert aber seer das die gemeynen kreütler / ja auch ettlich der gelerten ärtzt / disem kraut die würckung der andern haußwurtzen zuschreiben / dieweil es doch scharpff und räß auff der zungen ist / wie oben angezeygt / und derhalben jhre krafft unn würckung zu külen nit haben mag."
(Leonhart Fuchs: Das Kräuterbuch von 1543)