"Calamus draco
Bey der völligen Reife sind die Früchte mit einer rothen harzigen Substanz — dem Drachenblute — gleichsam wie mit einer Rinde überzogen, welche während des Reifens dieser Früchte aus dem Innern derselben ausschwitzt. Um nun das Drachenblut zu gewinnen, werden die Früchte in einer Reifsmühle mäßig gestampft oder in einem Sacke stark durch einander geschüttelt, bis dass das Drachenblut abspringt, aus welchem nachher mit Hilfe der Wärme Kugeln von der Größe einer Wallnuss oder Muskatennuss gebildet werden. Auch setzt man wohl die Früchte, um das Drachenblut zu gewinnen, den Dämpfen des kochenden Wassers aus, oder kocht sie mit Wasser. Die alsdann erhaltenen Kugeln werden in die schmalen, linienförmigen Zipfel des handförmigen Wedels von der Licuala spinosa — nicht in Schilf wie man gewöhnlich meint — geflochten, und unter dem Namen Sanguis Draconis in guttis seu lacrymis in den Handel gebracht. Das ist die erste Sorte, die auch wohl in walzenförmigen Stangen, ebenfalls eingeflochten, zu uns kommt und durch ein brennendes Roth sich auszeichnet.
Eine zweyte Sorte in unförmlichen größern und kleinen Stücken, kommt unter dem Namen Sanguis Draconis in granis vor, und wird für weniger gut gehalten, soll aber doch öfter reiner und besser seyn, als die vorhergehende. Eine dritte Sorte, die für noch schlechter gehalten wird, und die man, nachdem die erste Sorte abgeschieden ist, durch Auskochen der zerquetschten Früchte mit Wasser und Abschöpfen des aufschwimmenden Harzes noch gewonnen hat, sieht man in zolldicken, vier und mehrere Unzen schweren Kuchen, und heißt daher auch Sanguis Draconis in placentis. Eine vierte Sorte heißt Sanguis Draconis in tabulis, und kommt in Tafeln über einen Zoll dick, drey bis vier Zoll breit und sechs bis acht Zoll lanng vor, ist aber bloß ein Kunstproduct der Droguisten, und besteht öfters nur aus Colophonium, weches mit etwas echtem Drachenblute und gepulvertem rothem Sandelholze zusammengeschmolzen ist.
So werden gewöhnlich die verschiedenen Sorten des Drachenblutes der Güte nach aufgeführt, wenn man aber nach der Menge eines in dem Drachblute von Melandri aufgefundenen eignen Stoffes, eines Alkaloids, sie unterscheiden und ordnen darf, dann wird die dritte Sorte zur ersten erhoben."
(Gottlob Friedrich Hayne: Getreue Darstellung und Beschreibung der in der Arzneykunde gebräuchlichen Gewächse. Neunter Band. 1825)