"Fagus (Fagus silvatica)
Die Buche hat das richtige
Temperament, eine gleiche Wärme und Kälte und beides in gutem
Sinne. Sie ist ein Sinnbild der Wissenschaft (disciplinae). Sie findet
in Begleitung von verschiedenen Zauberformeln Anwendung bei der
Gelbsucht, gegen das Reissen und Fieber, gegen "freyszchlich", quod
est "selega" also eine schreckliche Krankheit. Nach dem ersten Hervorspriessen
der Blätter soll man an den Baum treten, mit der
linken Hand einen Ast fassen und in der rechten eine Axt von
Stahl halten und sprechen: "Tuam viriditatem ideo abscindo, quod
(soviel wie ut) omnes humores hominis, qui in alienam viam et
injustam "gelwe" fellis vertuntur, emendes, per vivens Verbum,
quod hominem absque contritione ejus fecit," und unter diesen
Worten den Ast abhauen und ein Jahr lang aufbewahren, es so
aber jedes Jahr machen. (Selega ist also eine Art schwerer Gelbsucht.)
So Jemand an der Gelbsucht leidet, so schneide man Stückchen
von dem Ast ab, lege sie in ein kleines Gefäss, giesse dreimal
etwas Wein darauf und spreche dabei: "Per sanctam "scincturam"
(vielleicht scissuram, die Theilung der beiden Naturen) sanctae
incarnationis, qua Deus homo factus est, abtrahe ab homine isto N.
dolorem "gelsucht", dann erwärme man den Wein mit den Holzstückchen
und gebe ihn dem Kranken nüchtern warm zu trinken;
er wird mit Gottes Willen geheilt werden. Aehnlich soll es bei
anderen Krankheiten geschehen. Ein Mus aus den frischen Blättern,
ebenso die Früchte, befördern einen Fettansatz."
(Hildegard von Bingen: Physica (Liber simplicis medicinae), 1150 - 1160)