"Brennnessel (Urtica urens L.). Der unreife, sowie der reife Same der Brennnessel wird mit Branntwein gegen
kalte Fieber vom Landvolk gebraucht, wo man einen Esslöffel voll kurz vor dem Anfall nimmt. Ein Esslöffel voll
desselben in gebrannter Mehlsuppe wird auch gegen Durchfall gelobt, eine Abkochung von dem Kraut
gegen Mutterblutsturz. Der frisch ausgepresste Saft wird gegen alte,
zähe Schleimanhäufiing im Magen, in den Gedärmen und gegen Lungenverschleimung mit Nutzen gebraucht.
Die großblühende Brennnessel ist ein sehr wirksames Mittel gegen Lungensucht.
Als äußerliches Reizmittel, um gelähmten Teilen durch Aufregung der niedergedrückten Lebenstätigkeit
wieder hinreichende Nervenkraft, Empfindung und Bewegung zu geben, ist das tägliche Peitschen derselben mit
Brennnesseln (Urticatio) ein sehr wirksames, auch von Ärzten viel gerühmtes Hausmittel.
Man peitscht das Glied täglich ein- bis zweimal mit frischen Brennnesseln, bis es rot wird, bis brennendes
Gefühl und Quaddelnbildung bemerkt wird. Auch als derivierendes Mittel dient die Urtikation.
Bei einem jungen Frauenzimmer, welches durch Erkältung den so qualvollen und schwer zu heilenden Gesichtsschmerz
(Prosopalgia, Tic douleureux) bekommen hatte und beständig an kalten Füßen litt, wandte man das Peitschen der
Füße bis zu den Knien mit Brennnesseln an, und der Erfolg war sehr günstig. Bei einem 24jährigen Mädchen,
welches nach plötzlich verschwundener Rose (Erysipelas) von furchtbarer Brustbeklemmung befallen wurde,
ließ Dr. Spiritus die Brust- und Magengegend, die Hände und Füße mit Nesseln peitschen, worauf Alles bald
besser wurde und die Beklemmung sich verlor.
Bei bejahrten Männern, welche an krampfhafter Harnverhaltung leiden, hat man den Hintern stark mit Brennnesseln
gepeitscht, und der Harn kam bald in Fluss (ein niederdeutsches Volksmittel)."
(Georg Friedrich Most: Enzyklopädie der Volksmedizin von 1843)