"Nessel würdt auff Griechisch Acalyphe oder Cnide / Lateinisch Urtica geheyssen. Ursachen aber diser namen / haben wir in unserm Lateinischen kreüterbuch angezeygt.
Dioscorides schreibt das der Nesseln zweyerley geschlecht seind. Das erst ist gantz rauch / und eben die Nessel / so man yetzunder auff Lateinisch Romanam / unn zu Teütsch Welsch nessel nennet. Das ander geschlecht ist nit so rauch / und etwas linder / das ich noch nit gesehen hab. Dise zwey geschlecht seind heymisch / unnd wachsen nit von sich selbst / man pflantz sie dann vorhin.
Plinius erzelet aber noch ettliche wilde geschlecht der Nessel / auß welchen auch seind unsere brennende Nessel so in unserm Teütschen land allenthalben wachsen / deren zwey geschlecht seind. Eine ist seer groß / und würdt zu Latein Urtica maior / auff Teütsch Heiternessel genent. Die ander ist kleiner / Urtica minor geheyssen / auff Teütsch Brennende oder Habernessel. Plinius erzelet auch under den wilden Nesseln eine die reücht starck / die heyst er Herculaneam / brent nicht.
Die Welschnessel hat einen runden unnd rauhen stengel / ist gantz scharpff / jre bletter seind lengelet unnd tieff zerkerfft / gewindt weisse blumen / so sie abfallen wachsen hernach runde knöpfflin oder böllin / auß vilen kleinen hülßlin zusamen gesetzt / darinn ist samen dem Leinsamen gantz gleich / doch kleiner. Die wilde / die man Brennend nessel nennet / wächst hoch übersich / hat bletter der Welschen nessel nit seer ungleich / seind doch nit so vast zerkerfft. Jhr stengel ist rauch / und harig / an welchen wechst der same mit außgepreyten purpurbraunen fäslin / welcher so man außreibt / ist er weiß / dem Hirß nit ungleich / doch vil kleiner. Die wurtzel ist lang / flichtet sich hin und wider in der erden / von farben geel. Heiternessel ist ein kraut mit stengel / bletter und wurtzel der Brennende nessel gleich / doch kleiner. Der samen aber ist grösser dann der vorigen / auch schwertzer / dem Leinsamen nit ungleich.
Die Welschnessel wechst nirgent im Teütschen land von sich selbst / sonder man muß sie pflantzen. Die wilden Brennende nessel findt man hinder den zeünen / hecken und mauren.
Der same sol im schnitt gesamlet werden.
Die Nesseln seind subtiler substantz / warm unnd trucken. Doch seind sie nit überauß hitzig.
Nessel bletter mit saltz zerstossen und übergelegt / heylen die biß der unsinnigen hünd /
unn die grossen geschwer. Deßgleichen über faule schäden / als Krebs unnd dergleichen / gelegt /
reynigen sie die selbigen / unnd heylens. In gleicher massen zerteylen sie auch allerley geschwulst /
als ormützel / und dergleichen beülen. Sie seind auch gut zu dem geschwollen miltz /
so man ein pflaster darauß macht / unnd überlegt. Gedachte bletter mit dem safft gestossen unnd über die stirn gelegt /
stellen das schweyssen zu der nasen auß. So mans mit Myrrhen stoßt / und zäpfflin darauß macht /
unn in die weiblichen scham thut / bringen sie den frawen jr blödigkeit.
Wann sie aber frisch werden über die muter gelegt die herauß begert /
so treiben sie dieselbigen wider hindersich. Der sam auß süssem wein getruncken /
reitzet zur unkeüscheyt / unn eröffnet die muter. Gedachter sam mit honig vermengt /
unnd ein latwerglin darauß gemacht / ist gut für das keichen / seiten oder rippen /
unnd lungen geschwer. Er macht auch außwerffen / und reyniget die brust.
Die bletter mit meerschnecken gesotten und getruncken / lindern den stulgang / und treiben den harn.
So man das wasser von den gesotnen blettern / mit wenig Myrrhen vermischt / trinckt /
so bringen sie den frawen jhr kranckheyt. Der safft von genanten blettern im mund gehalten unnd gurgelt /
ist gut zu dem geschwollen zepfflin. Der sam ist auch gantz zuwider dem wutzerling / unn gifftigen schwammen.
Diser sam macht leichtlich speyen / so er nach dem abend essen würdt mit Meth eins halben quintlins schwer jngenommen.
Mit süssem wein getruncken / ist er gut zu dem auffbleen des magens. Nessel in die laug gelegt /
vertreibt das har außfallen / unnd bösen grind / deßgleichen auch der sam.
Die bletter mit Beeren schmaltz gestossen und übergelegt / ist gut zu dem podagra /
und allerley weetagen der glider."
(Leonhart Fuchs: Das Kräuterbuch von 1543)