"[I.81. - Weihrauch] - Boswellia sacra / carterii und Boswellia thurifera / serrata
Der Weihrauch wird in Arabien erzeugt, in der Gegend, welche dieweihrauchtragende genannt wird. Den ersten Platz behauptet der männliche, sogen. Stagonias, von Natur rund. Ein solcher ist klein, weiß und auf dem Bruche innen fett, zum Räuchern angezündet rasch verbrennend. Der indische ist hellgelb bis dunkelfarbig. Er wird aber auch künstlich rund gemacht; sie schneiden ihn nämlich in viereckige Stücke, werfen diese in irdene Töpfe und rollen sie, bis sie die runde Form angenommen haben. Mit der Zeit aber wird er gelb, er wird der geschnittene oder syagrische genannt. An zweiter Stelle kommt der Orobias und der geschnittene, welchen Einige Kopiskos nennen, der kleiner und gelber ist. Eine Sorte wird auch Amomites genannt; er ist übrigens weiß und beim Kneten nachgebend wie Mastix. Jeglicher Weihrauch wird künstlich mit Fichtenharz und Gummi verfälscht. Die Untersuchung ist aber leicht zu machen. Das Gummi nämlich brennt beim Anzünden nicht an, das Harz verqualmt in Rauch, der Weihrauch dagegen entzündet sich; aber auch der Geruch tut dasselbe kund. Er hat die Kraft zu erwärmen, zu adstringiren, die Verdunkelungen auf den Pupillen zu vertreiben, die hohlen Stellen der Wunden auszufüllen und diese zu vernarben, blutige Wunden zu verkleben, jeden Blutfluss, auch den aus dem Gehirn, zurückzuhalten. Zerrieben und mit Milch auf Charpie gestrichen, besänftigt er die bösartigen Geschwüre um den After und die übrigen Teile; auch vertreibt er, mit Essig und Pech aufgestrichen im Anfange die Warzen und Flechten. Mit Schweine- oder Gänseschmalz heilt er ferner die ausgebrannten Geschwüre und die Frostschäden. Bösen Grind heilt er zusammen mit Nitrum (Soda), Paronychie (Nebennägel) mit Honig, Ohrenquetschungen mit Pech aufgestrichen, gegen die übrigen Ohrenleiden hilft er mit süßem Wein eingegossen. Entzündungen der Brüste von der Geburt her heilt er als Salbe mit kimolischer Erde und Rosenöl. Auch wird er mit Nutzen den Arzneien für die Luftröhre und die edlen Eingeweideteile zugesetzt. Genossen hilft er den an Blutspeien Leidenden; dagegen ist er Wahnsinn erregend, wenn er von Gesunden genommen wird, reichlich mit Wein getrunken, wirkt er gar tödlich. Der Weihrauch wird gebrannt, indem er in eine reine Muschelschale getan und durch ein Korn an der Lampe entzündet wird, bis er ausgebrannt ist. Gegen Ende der vollständigen Verbrennung muss man ihn mit irgend etwas bedecken, bis er ganz ausgelöscht ist, denn auf diese Weise wird er nicht ganz vorascht. Einige aber stülpen über das Schälchen ein vertieftes erzenes Gefäß, welches in der Mitte zur Aufnahme des Rauches durchbohrt ist, wie wir in der Abhandlung über den Weihrauchruß zeigen werden. Andere werfen ihn in einen rohen Topf, den sie mit Lehm verschmieren und verbrennen ihn im Ofen. Auch wird er in einer neuen Schale über glühenden Kohlen erhitzt, bis er sich nicht mehr aufbläht und weder irgend eine Fettigkeit noch Rauch von sich gibt. Gebrannt lässt er sich leicht zerstoßen."
(Dioskurides: Materia Medica, Übersetzung von Julius Berends, 1902)
"[I.82. - Weihrauchrinde]
Die Rinde des Weihrauchs wird als vorzüglich angesehen, wenn sie dicht, fett und wohlriechend, frisch und glatt, dabei nicht flechtig und häutig ist. Sie wird verfälscht durch untergemengte Rinde der Fichte und Pinie. Das Erkennungsmittel für diese ist das Feuer; denn die anderen Rinden, zum Räuchern angezündet, verbrennen nicht, sondern entzündet verqualmen sie ohne Wohlgeruch, die Weihrauchrinde dagegen verbrennt und gibt einen wohlriechenden Rauch. Sie selbst wird aber auch wie der Weihrauch gebrannt. Sie hat dieselbe Kraft wie der Weihrauch, nur ist sie starker und adstringirender. Deshalb eignet sie sich im Trank mehr für die, welche an Blutspeien, im Zäpfchen für die, welche an Blutflüssen leiden. Sie leistet auch Dienste bei vernarbenden Wunden im Auge, gegen Cavernen und Schmutz; geröstet hilft sie gegen Augenkrätze."
(Dioskurides: Materia Medica, Übersetzung von Julius Berends, 1902)
"[I.83. - Manna des Weihrauchs]
Die Manna des Weihrauchs ist gut, wenn sie weiß, rein und körnig ist. Sie hat dieselbe Kraft wie der Weihrauch, aber viel schwächer. Zur Verfälschung mischen Einige gesiebtes Pinienharz und Weizenmehl oder das Äußere des geschnittenen Weihrauchs darunter; auch dieses tut das Feuer dar, denn niemals wird es einen dem reinen Dampf ähnlichen oder gleichkräftigen Rauch geben, sondern einen unreinen Russ machen. Auch hat der Wohlgeruch einen (fremdartigen) Geruch beigemischt."
(Dioskurides: Materia Medica, Übersetzung von Julius Berends, 1902)
"[I.84. - Weihrauchruß]
Den Weihrauchruß mache auf folgende Weise: Mittelst einer Zange entzünde jedes Weihrauchkorn für sich allein an einer Lampe und lege es in einen neuen vertieften irdenen Tiegel. Dann decke darüber ein gewölbtes kupfernes Gefäß, welches in der Mitte durchbohrt und sorgfältig abgerieben ist. Auf einer oder auf beiden Seiten lege Steinchen vier Finger hoch darunter, um sehen zu können, ob es brennt, und damit Raum sei, stets andere Körner nachzulegen, bevor das erstere Korn vollständig erloschen ist, und dies tue, bis du glaubst, genügend Russ gesammelt zu haben. Unausgesetzt aber umstreiche das Äußere des Kupfergefäßes mit einem Schwamm aus kaltem Wasser; denn so, wenn dasselbe nicht sehr heiß ist, setzt sich sämtlicher Russ an; durch seine Schwere aber herabgefallen würde er sich mit der Asche des verbrannten Weihrauchs ver- mischen. Nachdem du nun den ersten Russ abgestrichen hast, tue dasselbe, so oft es dir gut scheint, nimm aber auch die Asche des verbrannten Weihrauchs für sich heraus. Er hat die Kraft, die Entzündungen in den Augen zu lindern, Flüsse zurückzuhalten, Wunden zu reinigen, Cavernen auszufüllen und Krebsgeschwüre zu heilen."
(Dioskurides: Materia Medica, Übersetzung von Julius Berends, 1902)