Ficus religiosa
"Nach Kerr lebt auf dem heiligen Feigenbaum, ebenso wie auf der noch wenig bekannten Ficus indica eine bis jetzt aus Mangel an guten Exemplaren nur sehr schlecht untersuchte, eigene Art von Schildläusen (Coccus Lacca) in so großer Menge, dass sie die jungen Aeste zuweilen ganz bedeckt. Sie bewirkt, durch ihren Stich ein Hervortreten des weißen, an der Luft sich roth färbenden Milchsaftes des Baumes, der durch seine Anhäufung das Thier ganz umgiebt, so dass es in ihm wie in einer Zelle ruht. Auf diese Weise entsteht die unter dem Namen Gummi Lac bekannte Substanz. Um die Mitte des Märzes sind die Zellen ausgebildet und das Insekt erscheint dann als ein rothes, glattes Oval ohne Leben. Im Oktober und November findet man 20 — 30 Eier oder Larven in der schön roth gefärbten Mutter. Die jungen Thiere durchbohren später den Rücken der Mutter und kriechen nach außen hervor, während sie ihre Häute zurücklassen, die als häutige Masse in den Zellen des Stück-Lacks erscheinen. Um den Lack zu gewinnen, bricht man im Februar und August die damit bedeckten Zweige von den Bäumen. Der Lack kommt in vier verschiedenen Zuständsn in den Handel: 1. Als Stück oder Stocklack (Stock-Lac, Lacca in baculis), der natürliche und rohe Zustand, d. h. das an den Aesten hängende bitterlich -adstringirende, rothbraune, spröde, auf dem Bruche glänzende, innen kleine Höhlungen enthaltende Produkt. 2. Als Körnerlack (Sead- Lac) , die von den Aesten gesonderte, körnig erscheinende Masse. 3. Als Lump -Lac, wenn man die Körner über Feuer flüssig gemacht und in Kuchen geformt hat und 4. endlich als Shell- Lac (Rinden- oder Tafellack) wenn man die Masse in Beuteln flüssig gemacht, ausgepresst und in dünne Platten geformt hat, wobei der rothe Farbestoff verloren geht. ...
In der Heilkunde wird der Lack wenig gebraucht, soll er aber angewandt werden, so wählt man den Stocklack. Er wirkt gelinde zusammenziehend und kommt daher äußerlich bei Krankheiten des Mundes und Zahnfleisches, Scorbut, Schwämmchen u. s. f. in Anwendung. Man bedient sich dazu der wässrigen oder geistigen Tinctur (Tinct. aquosa vel spirituosa), wobei die Zusätze aber wohl das Beste thun. Ueberdies macht er einen Bestandteil der meisten Zahntincturen. Der Schell -Lack ist wichtig für verschiedene technische Zwecke.
Der beschriebene Feigenbaum ist bei den Indern dem Vischnu geheiligt und wird von ihnen angebetet. Sie umziehen ihn hie und da mit einer Mauer, streichen auch wohl seinen Stamm roth an. Er hat daher von den Christlichen Bewohnern Ostindiens den Namen Teufelsbaum (Arbor diaboli) erhalten. Uebrigens braucht man in seinem Vaterlande seine Rinde und Blätter gegen verschiedene Krankheiten."
(Gottlob Friedrich Hayne: Getreue Darstellung und Beschreibung der in der Arzneykunde gebräuchlichen Gewächse. Dreizehnter Band, 1837)