"Das Bingelkraut, Mercurialis annua L;, eine auch
bei uns in Gärten, auf Aeckern und Weinbergen sehr
gemeine und deswegen oft lästige Pflanze aus der grossen
Familie der Euphorbiaceen, in jene besondere Gruppe
gehörend, die Bartling Acalyphea nennt; mehrere Gewächse,
die man hierher rechnet, zeichnen sich durch
ihre drastischen Wirkungen aus, und auch unser gemeines
Bingelkraut wurde von den älteren deutschen Aerzten
als ein abführendes Mittel oft gebraucht, ist aber jetzt,
wie so manche andere brauchbare Arzneipflanze, fast
gänzlich in Vergessenheit gerathen. Dioscorides nennt die
Pflanze Cynocrambe, also Hundskohl ; er kannte ihre abführende
Wirkung recht gut, und liess sie daher selbst
als ein eröffnendes Gemüse geniessen ; doch dürften die
Purgirkräfte durch das Kochen sehr gemindert werden.
Er sah übrigens die Pflanze als ein Mittel an, das sowohl
den Schleim, als die Galle, so wie wässrige Anhäufungen
in den Höhlen des Körpers ausführe und somit nicht nur
cathartische, sondern auch diuretische Wirkungen besitze.
Einem Könige Antigonus soll schon Hippocrates die
Mercurialis als ein Abführungsmittel angerathen haben,
und wirklich wird sie in den hippocratischen Schriften
sehr oft genannt, und als ein gewöhnliches Purgans empfohlen.
Die in jenen alten Zeiten gebräuchlichste Anwendungsart
bestand darinn, dass man das frische Kraut
abkochte, die Brühe abseihete und dann eben so viel dünne
Ptisane nebst etwas Honig hinzusetzte.
Auch in späteren Zeiten hatte man noch ein Mel mercuriale,
das aus dem frisch ausgepressten Safte mit Honig
bereitet wurde, und das man eröffnenden Klystiren zu
einer bis zwei Unzen zuzusetzen pflegte."
(J.H.Dierbach: Flora Mythologica, 1833)