"Dise kreüter haben die alten aberglaubischen Teütschen Gauchheyl darumb geheyssen / das sie geglaubt haben / wo mans im jngang des vorhofs auff hencke / das sie allerley gauch und gespenst vertreiben. Sonst nennt mans auch Colmarkraut. Auff Griechisch und Lateinisch werden sie genent Anagallides.
Dises krauts seind zweyerley geschlecht / weiblin und mennlin. Das mennlin hat ein rot zinoberfarbs blüemlin. Das weiblin aber hat ein schön himelblaw blüemlin / ist sonst dem mennlin aller gestalt nach gleich.
Gauchheyl seind steudlin auff der erden außgepreytet / mit vierecketen stengelin / und kleinen blettlin / ein wenig rund / wie Tag unnd nacht / oder Meyeron. So jre rote unnd himelblaw blüemlin abfallen / werden gantz runde knöpfflin als Coriander samen darauß / in welchen ist kleiner dreyecketer geeler same.
Wachsen beyde in den weingarten / äckern / gemeynlich aber in den stupffelfeldern.
Blüen vonn dem Meyen an / durch den gantzen sommer / fürnemlich aber im Augstmonat. Seind über die massen schöne blüemlin / in sonderheyt des weiblins.
Beyde Gauchheyl seind warmer unnd truckner natur / seübern und ziehen an sich.
Gauchheyl legen den schmertzen / seübern / ziehen auß dorn und spreissen übergelegt. Seind gut den unreynen wunden / dann sie seübern dieselbigen / und heylen. Jhr safft reyniget das haupt / und zeücht auß die zähen feüchtigkeyt / so er in die nasen empfangen würdt. Er lindert auch diser gestalt gebraucht das zanwee. Der safft mit dem allerbesten hönig vermenget / und in die trüeben augen gelassen / macht dieselbigen klar unnd lauter. So er mit wein vermischt getruncken würdt / heylet er die naterbiß / und ist gut zu der bresthafftigen lebern / und nieren. Das weiblin treibt hindersich den außgetruckten affterdarm / aber das mennlin treibt und zeücht denselbigen herauß."
(Leonhart Fuchs: Das Kräuterbuch von 1543)