"Dies sind prachtvolle Gewächse, die, wie schon ihr Name andeutet, in Flüssen, Seen, Bächen und andern Gewässern ihren natürlichen Standort haben und in beiden Hemisphären der Erde Vorkommen. Sie bilden eine eigene natürliche Pflanzengruppe, die aus mehreren Gattungen besteht, nämlich Nelumbium, Euryale, Nymphaea und Nuphar. In Deutschland wächst blos die gemeine weisse und gelbe See-Nymphe, Nymphaea alba und Nymphaea lutea L. ; aber in wärmeren Gegenden, zumal in den Tropenländern, gibt es deren mehrere, die durch besondere Schönheit und Pracht sich auszeichnen. Es sind aber hier zu nennen:

1) Die Nymphaee der Isis, Nymphaea Lotus L. oder Castalia mystica. Sie wächst ausserordentlich häufig im Nil in Aegypten, bei Rosette, Damiate u. s.w., so wie in den dortigen Gräben, welche die Reisfelder umgeben; auch im westlichen Afrika hat man sie wahrgenommen. Die knollige, mit einer braunen Rinde überzogene Wurzel ist essbar. Die grossen Blätter schwimmen auf dem Wasser; sie sind schildförmig, an der Basis tief eingeschnitten, am Rande gesägt, auf der obern Seite glatt, auf der untern aber mehr oder weniger behaart. Die Blumen sind ansehnlich und gross; die Kelche aussen grün mit rosenrothem Rande, und die zahlreichen Blumenblätter weiss.
Diese schöne und merkwürdige Pflanze war den beiden Landesgottheiten der Aegyptier, Isis und Osiris geweiht, in denen sie das Bild der Natur, die Schöpfung aus dem Wasser verehrten, und als deren Symbol überall diese Pflanze, die schlechtweg Lotos hiess, angesehen wurde ; auch hätte man kein treffenderes wählen können. So wie der Nil wächst, von dem in Aegypten alle Fruchtbarkeit abhängt, erscheint die Wasserrose, und sie verschwindet wieder, sobald der Fluss in die Gränzen seines Bettes zurücktritt ; in dürrem Sande bleibt sie vergraben liegen, bis die nächste Ueberschwemmung sie wieder auferweckt ; sie ist die Braut des Nil, wie sie noch die heutigen Aegyptier nennen, womit die gleichzeitige Existenz und die Fruchtbarkeit des Landes zugleich angedeutet wird. Das Losungswort der Aegyptier heisst: „je mehr Lotos, desto mehr Jahres-Segen“. Kinder und Weiber brechen die schöne Wasserrose jauchzend ab, und laufen damit durch die Dörfer, rufend: je mehr Lotos, desto mehr Nil !
Auch die Demeter der Griechen scheint öfters mit diesem Symbol vorzukommen ; denn die Mohnköpfe, die man in den Bildern der Ceres zu erkennen glaubt, gleichen völlig den Früchten unserer Nymphaea Lotus, und dies ist um so wahrscheinlicher, da man, wie schon Herodot berichtete, die Früchte dieser Wasserrose an der Sonne trocknete, die Samen mahlte, und eine Art Brod daraus zu bereiten pflegte, das besonders gesund gewesen seyn soll.
Wenn Isis und Osiris auch auf die Sonne gedeutet wurden, so wird dieser Umstand auch in der Vegetation der ägyptischen Wasserrose wieder erkannt; denn schon alte Schriftsteller haben die Beobachtung aufgezeichnet, dass die Lotosblume sich beim Untergang der Sonne schliesse und unter die Oberfläche des Wassers tauche; bei Aufgang der Sonne sich aber wieder aus dem feuchten Elemente hervorhebe und ihre Blume dem Einflüsse des freundlichen Gestirnes öffne.
Dasselbe beobachtete Rumph an der Nymphaea pubeseens Willdenow, welche Salisbury Castalia sacra nennt, und die dem ägyptischen Lotos so nahe verwandt ist, dass sie Burmann geradezu unter dem Namen Nymphaea Lotus beschrieb. Rumph erzählt von dieser Pflanze, dass die Javaner und andere ostindische Völkerschaften diese Blumen beim Besuchen der Tempel in ihre Haare flechteten.
Merkwürdig ist aber nun die Beobachtung, welche Blandfort machte und Sims in dem Garten zu Kew bei London bestätigte: in den europäischen Treibhäusern nämlich öffnet sich die Blume der Nymphaea Lotus des Abends, bleibt die Nacht hindurch offen, und schliesst sich mit dem Anbruche des Tages wieder.
Sehr gemein ist in Aegypten auch die blaue Seerose, Nymphaea caerulea Savigny, und durch ihre blauen Blumen sogleich kenntlich ; die Alten mögen auch sie, wie Savigny mit Recht vermuthet, als ein Bild der über dem Wasser schwebenden, Segen und Fruchtbarkeit spendenden Gottheit verehrt haben, da ihr Email noch reizender ist, als jenes der weissen, für deren Varietät man sie wohl ansehen mochte. Ja Delile behauptet sogar, die blaue Seerose komme sowohl gemalt als in Sculpturen weit öfter in den ägyptischen Tempeln vor, als die weisse Nymphaea Lotus ; auch wurden, nach Athenaeus die gewöhnlichen Lotos-Kronen von den Blumen der blauen Seerose geflochten."
(J.H.Dierbach: Flora Mythologica, 1833)