"Affaldra (Malus) Der Apfelbaum ist warm und feucht. Wer an Verdunkelung der Augen leidet, sei es Jüngling oder Greis, zerquetsche die Blätter zur Frühjahrszeit, bevor die Früchte angesetzt haben, zu Saft, mische diesem ebenso viel austropfenden Saft der Weinrebe zu und befeuchte damit die Lider vor dem Schlafengehen, lege auch eine damit benetzte Binde darüber. Wer von Gicht geplagt wird, der reisse im Frühjahre, wenn die ersten Triebe sich zeigen, ein Aestchen ab, befeuchte mit dem ausfliessenden Safte einen Riemen aus Hirschleder, indem er die Wundstelle erweitert, lege dann den Riemen an einen feuchten Ort, damit der Saft gehörig einziehe, dann lege er denselben auf die nackte Haut. Gegen Leber- und Milzschwäche, gegen Migräne nehme man die ersten Triebe des Apfelbaumes (ceppini de affaldra) lasse sie von der Sonne in Baumöl ausziehen und trinke dasselbe. Gegen Schmerzen in den Schulterblättern und Lenden nehme man im Frühjahre vor dem Aufbrechen der Blüthe Erde von der Wurzel des Apfelbaumes, mache sie am Feuer warm und lege sie auf die schmerzenden Stellen; später, wenn schon Früchte angesetzt haben, hilft es nicht. Die Früchte sind, roh genossen, für Gesunde leicht verdaulich und bekömmlich, für schwache besser gekocht; im Winter dagegen sind sie diesen auch roh sehr zuträglich."
(Hildegard von Bingen: Physica (Liber simplicis medicinae), 1150 - 1160)