"Der Anissamen hat eine krafft zu erwärmen/ zu trucknen/ und zu zertheilen/ ist heiss und trucken im dritten Grad. Der Samen wirdt das mehrer theil in der Artzeney/ beyde innerlich und eusserlich gebraucht. Das Kraut aber wenig/ unnd die Wurtzel gar nicht/ die wirdt als untüchtig verworffen.
Es wirdt der Anisssamen heutiges Tags bey uns Teutschen wie bey den Alten nicht allein in der Artzeney/ sondern auch in der Speiss gebraucht. Unsere Weiber backen den ins Brodt/ unnd machen das Zuckerbrodt Biscoct genannt darmit/ unnd gibt solcher Samen dem Brodt nicht allein ein guten lieblichen geschmack/ sondern es ist auch nützlich in etlichen Kranckheiten gebraucht: Als nemlich in den blehungen dess Magens/ dess Miltz/ unnd der Darm: Dessgleichen im Seiten unnd Nierenwehe/ Bauchwehe/ Krimmen/ Darm gegicht/ Wassersucht/ in allen kalten Gebrechen der Lebern unnd verstopffung derselben/ in Nieren gebrechen unnd dem stein/ unnd in unfruchtbarkeit der Weiber/ unnd dergleichen mehr Kranckheiten.
So man aber den Aniss in Speisen nutzen will/ sol er bey den speisen gekocht werden/ denen Menschen die mit nachfolgenden schwachheiten beladen seind/ die den Schwindel und umblauffen im Haupt haben/ unnd denen so stetig vor den Augen zwitzert/ oder als wann jhnen Mücken vor den Augen fliegen/ und die mit kalten Flüssen beladen seindt. Diese Speisen seindt auch nütz den Keichenden/ die den schweren Athem haben und stetig Husten/ denen der Magen auffstosset mit rülpsen unnd den Klux haben. Jtem/ den Lebersüchtigen/ denen die mit dem grünen Siechtagen CACHEXIA beladen unnd ein böse todte farb haben. Dessgleichen den Geelsüchtigen/ Wassersüchtigen/ Miltzsüchtigen/ und die stetige auffblehen unnd winde im Leib empfinden/ und zu dem Krimmen unnd Darmgegicht geneiget seyn. Jtem den seugenden Weibern/ dann jhnen der Aniss uberflüssige Milch macht/ täglich in den speisen genützt. Es dienet auch den erkalten Männern die zu den Ehelichen Wercken unvermöglich worden seynd.
Der Anisssamen dient sonst vor sich selbst vor viel gebrechen dess Leibes/ machet einen wolriechenden lieblichen Athem/ im Mundt gekauwet unnd dann hinabgeschluckt. Dienet den jenigen die ein blödes Haupt unnd Hirn haben/ unnd vermeynen dass jhnen Mücken vor den Augen fliegen/ er erwärmet die erkalte Brust und Lungen/ vertreibet den engen Athem und das Keichen/ dient wider den alten Husten/ erwärmet und stercket den erkalten Magen und alle innerliche Glieder/ er zertheilet und führet auss die Wind/ stillet das Magenwehe/ vertreibt den Klux von völlin unnd Blasten verursacht. Er öffnet unnd löset auff die verstopffung der Lebern/ ist dienlich den Geelsüchtigen/ und denen so zu der windigen Wassersucht geneigt seind. Er dienet wider das Leibwehe unnd Krimmen/ verhütet dass keine Wurm bey dem Menschen wachsen/ so man den in stetigem gebrauch hat. Ferner dienet er vor das Lenden unnd Nieren wehe auss Blasten/ er löset auff die verstopffung der Nieren und Blasen/ treibet den Harn unnd Griess/ fördert die Monzeit der Weiber/ stillet den weissen Fluss/ das weiss Gesicht genannt/ leschet den Durst/ widerstehet dem Gifft/ unnd ist gut wider die Stich unnd Bissz aller gifftigen Thier/ er stopffet den Bauchfluss unnd uberflüssigen Fluss der weiber/ machet eine Begierde zu den ehelichen Wercken/ er reyniget die Mutter von aller bösen Feuchtigkeit/ unnd vertreibet die Blaste darinn. ...
Anisssamen und Kraut in Wein gesotten/ und den warmen Dampff darvon in die Nasen empfangen/ bringet wider den verlornen Geruch. Anisssamen warm gemacht und daran gerochen/ vertreibet den Schwindel der von Kälte kompt. Das hilfft auch wann man den Samen in ein Säcklein eynreihet/ darnach auff einem heissen Zigelstein wärmet/ und also warm auff die Scheytel dess Haupts leget.
Es soll der Aniss die schreckliche Traum vertreiben/ wie PLINIUS davon bezeuget/ wann man den in das Kissen henckt/ also dass die schlaffenden denselbigen riechen mögend. PYTHAGORAS der wil dz die jenigen so mit der fallenden sucht beladen seynd/ die Kranckheit sie nicht anstosse/ wann sie Aniss in der Hand halten. ...
Anisszucker (ANISUM SACCHARATUM, VEL SACCHARO INCRASSATUM): Man pflegt den Anisssamen auch mit Zucker zu uberziehen/ welcher stärcket das Haupt/ den bläden Magen/ unnd erwecket ein Appetit zur Speiss/ vertreibet das Magenwehe/ das ubersich Rüpsen und den Klux/ zertheilet die winde im Leib/ dienet wider die Auffblähung dess Miltzes/ stärcket und erwärmet die Leber/ Miltz/ und alle jnnerliche Glieder/ ist denen fast heylsam/ die stets Nieren und Rückenwehe haben/ fördert den Harn/ und verhütget den Stein/ und ist den weibspersonen die nicht genugsam gereyniget werden/ unnd stetig Muttersiech seyn/ ein nützliche artzeney/ dessgleichen auch den schwangern Frawen/ die sich stets erbrechen unnd unwillen/ mehret den Seugammen die Milch/ machet ein wolriechenden Mund/ und dienet zu allen kalten Gebrechen. Ferner ist dieses Confect nutz den Wassersüchtigen/ leschet den unnatürlichen Durst/ dienet wider das beben und klopffen dess Hertzens/ von Bläst verursachet/ es miltert das Krimmen der Därm auss Winden/ ist dienlich wider den weissen Fluss der weiber/ trucknet nider die auffsteigende Dämpff nach der Malzeit gessen. Er mehret die natürliche Wärmbde und den Mannlichen Samen/ vertreibt das Spannen und Schmertzen dess Zwerchfells und der Seiten/ es ist fast dienlich den erkalten unfruchtbaren Weibern/ und denen die nicht wol schlaffen mögen/ verbessert den vergifften bösen Lufft/ und macht ein schön Angesicht/ unnd feine lebliche Farbe.
Anisswasser (AQUA STILLATITIA ANISI): Das Anisswasser ist nicht an allen Orten gebräuchlich/ nicht destoweniger aber hat es auch seinen Platz in der Artzeney. Die beste Zeit seiner Distillierung ist im Hewmonat/ wann es in voller Blühet ist/ das Kraut mit den Stengeln und Blumen klein gehackt/ darnach sanfftiglich in BALNEO MARIE abgezogen/ und folgends seine gebürliche zeit in der Sonnen rectificirt. So du aber dass Anisswasser kräfftiger haben wilt/ solt du ein vierling Anisssamen stossen/ unnd ein Mass dess gemeinen Anisswassers darüber schütten/ solches digeriren unnd anderwerts distilliren/ wie wir von dem Dillwasser Underweisung haben. Dass Anisswasser also gedistillirt/ mag nützlichen zu allen jnnerlichen Kranckheiten gebraucht werden/ zu denen der Anisssamen an jhme selbst gut und dienlich ist.
Anisswein (ANISITES oder ANISATUM VINUM): Es spricht der Keyser CONSTANTINUS AGRIC.LIB.8.CAP.5. so man Anissamen in Wein legt/ so wird der Wein gut vor das schwerlich harnen/ und thut allem Eingeweyd wol. Es soll der Anisswein gemacht werden/ wie der Pfefferkümmel unnd Fenchelwein. MARCELLUS EMPYRICUS und PLIN.2.DE RE MEDICA, LOBEN DEN Anisswein treffentlich vor die schmertzen der Därm und Eingeweyd. AETIUS lobet jhnen höchlich/ wider die Auffblähung dess Miltzes. Sonst löset er auff alle jnnerliche Verstopffung/ zertheilet die Winde/ er leget das sawer Auffrüpffen dess Magens/ hilfft der Dawung/ er miltert das Krimmen/ und ist sonderlich dienstlich und gut den Seugammen/ dann er jhnen viel Milch machet/ so sie den etliche Tag mit Zucker vermischt/ trincken. Er vertreibet den Schmertzen der Nieren/ und alle Gebrechen so von Blästen verursachet werden/ und führet auss das Griess. Es mag auch ferner dieser Wein/ zu allen andern jnnerlichen Kranckheiten heylsamlich/ wie hiebevor von dem jnnerlichen Gebrauch erzehlet worden seynd/ gebraucht werden. ...
Anissmeth (ANISATA MULSA): AUSS DEM Anisssamen mag man ein Meth machen/ also/ dass man denselbigen groblecht zerstossen/ in dem Meth verjähren lasse/ oder den Aniss zuvor in dem Wasser sieden lass/ damit man den Meth machen wil/ wie es eines jeden Gelegenheit seyn will. Der Anissmeth ist fast dienstlich und bequem vor den alten Husten/ wehret dem Keichen und schwerlich athmen/ erwärmet die Brust und Lungen/ und ist eine fast nützliche Artzeney/ zu allen kalten gebrechen der brust und Lungen. Darneben mag er auch nützlich gebraucht werden zu allen Kranckheiten/ darzu der Anisswein gut ist. ...
Anissaltz (ANISI SAL): Ein fast küstlich Saltz wird auss dem Aniss gemacht/ das Kraut/ Samen/ sampt der Wurtzel gedürrt und zu Aschen gebrant/ darnach dz Saltz künstlich davon gezogen/ wie wir im Capitel vom Wermuth underweisung geben haben. Dieses Saltz dienet sonderlich wider das Keichen/ Wassersucht/ verhaltung dess Harns/ und andere Gebrechen der Nieren und der Blasen. Es wird vor sich selbst/ und auch mit andern Artzeneyen vermischt/ in gemelten unnd andern viel mehr Kranckheiten gebraucht."
(Tabernaemontanus Kräuterbuch, 1613)