Mandragora (Atropa Mandragora). Der Alraun
1st warm, ein klein wenig wässerig und stammt aus der Erde,
von welcher Adam gemacht ist, er (eigentlich die Wurzel) ist
dem Menschen in etwas ähnlich; deswegen gerade ist diese
Pflanze den Einflüsterungen und Nachstellungen des Teufels mehr
als andere Pflanzen ausgesetzt. Wenn sie gegraben wird, soll sie
sofort einen Tag und eine Nacht in Quellwasser gelegt werden, es
wird dann alles Böse und Widerwärtige aus ihr ausgezogen "uszgebiszen",
sie hat ihre magische Kraft verloren; geschieht dies nicht,
bleibt die Erde an ihr hängen, dann ist sie zu allerhand Teufelskünsten
zu gebrauchen. Wenn ein Mann in Folge magischer Einflüsse
oder aufgeregter Natur unenthaltsam ist, so nehme er die
weibliche Gestalt dieser vorher abgewaschenen Pflanze, binde sie
zwischen Brust und Nabelgegend und trage sie drei Tage und drei
Nächte, dann spalte er sie und binde die Theile auf beide Lenden drei
Tage und drei Nächte. Er pulvere auch die linke Hand der Figur
und nehme das Pulver mit etwas Kampfer, so wird er beruhigt.
Ist es bei einer Frau der Fall, so nehme sie die männliche Figur
und mache es ebenso. nehme aber statt der linken Hand für das
Pulver die rechte. Gegen Leiden einzelner Körpertheile verzehre
man die entsprechenden Gliedmassen der Figur, gegen Kopfleiden
den Kopf, gegen Halsschmerzen den Hals u. s. w. Die männliche
Figur ist aber heilkräftiger als die weibliche. Wenn Jemand so missgestimmt
ist, dass er vor steter Herzenstrübsal und vor lautet
Kummer keine Ruhe findet, der lege Alraun, der einen Tag und
eine Nacht im Wasser gereinigt ist, in sein Bett, dass von seinem
Schweisse die Pflanze warm werde und spreche: Deus, qui hominem
de limo terrae absque dolore fecisti, nunc terram istam quae nunquam
transgressa est, juxta me pono ut etiam terra mea pacem illam
sentiat, sicut eam creasti. In Ermangelung von Mandrogora thut das
erste Buchenlaub dieselben Dienste, doch muss dasselbe so von
den Zweigen genommen werden, dass diese nicht zerbrechen."
(Hildegard von Bingen: Physica (Liber simplicis medicinae), 1150 - 1160)