"Die Acacie wird in den hippokratischen Schriften bald die ägyptische, bald die weiße genannt, Prädikate, die auf einen und eben denselben Baum bezogen werden können, indem die Senegal-Acacie, Acacia- Senegal Willdenow, in Aegypten wächst, und sich durch weiße Rinde, weißes Holz und weiße Blumen von andern Arten auszeichnet. Mehrere Theile des Baums haben eine zusammenziehende Kraft, weswegen wenig dagegen zu erinnern seyn dürfte, wenn man ihm unter den adstringirenden Mitteln eine Stelle anwiese; allein das aus ihm fließende weiße Gummi zeichnet sich durch seinen Schleimgehalt aus , um deswillen die meisten pharmakologischen Schriftsteller ihm einen Platz bei den schleimigen Medikamenten einräumen. Auch den Hippokratikern war jener aus dem Stamme fließende Saft nicht unbekannt und wurde schon von ihnen gegen verschiedene Krankheitszufälle gebraucht.
Strabo gedenkt eines Acacienhaines um die Stadt Akanthus in Aegypten, bei dem ein Tempel der Osiris stand:dort her brachte man das Gummi . Auch um Abydus befand sich ein solcher, dem Apollo geweihter Hain . Bei Verhaltung der monatlichen Reinigung wurden die Blätter in einem Aufgusse angewendet . Die Früchte brauchte man mit Mohn gegen Diarrhöen , ferner bei Geschwüren des Uterus , so wie bei andern Kranheiten desselben zum Beräuchern . Das Gummi wird ausdrücklich das weiße genannt, und gegen Mutterblutfluss , so wie in Verbindung mit aromatischen Mitteln zur Verhütung des Abortus empfohlen .
Aus der Blüthe des Acacienbaumes bereitete man eine wohlriechende Salbe oder Oehl , dessen in den Büchern von den Weiberkrankheiten und einigen andern unter dem Nahmen der weißen , wohlriechenden ägyptischen Salbe oder auch des weißen Oehls ungemein oft gedacht wird . Auch Theophrast rühmt die heilenden Kräfte der Blüthen des Acacienbaums, um derenwillen wie er hinzusetzt , sie von den Aerzten gesammelt werden.
Anmerkung: Sprengel deutet die ägyptische Acacie der Hippokratiker auf Acacia vera Willdenow womit ich nicht übereinstimmen kann , indem die Hippokratiker den Baum geradezu den weißen nennen, was nur auf Acacia Senegal passt. Derselbe glaubt ferner, dass man aus den Blüthen der A. vera das wohlriechende Öl bereitet habe, welches mir auch nicht wahrscheinlich ist, denn die Blüthen derselben haben, wie Houttuyn ausdrücklich hemerkt, keinen so angenehmen Geruch wie die der A. Senegal , bei der er dem der Märzviolen ähnlich ist. Dazu kommt noch, dass die aus den Blüthen bereitete Salbe auch die weiße genannt wird, und die Blumen der A. vera sind gelb , wobei es wenigstens wahrscheinlich ist, dass der gelbe Färbestoff sich auch dem Fette mittheile , und dann die Salbe gelb werde."
(J.H.Dierbach: Die Arzneimittel des Hippokrates, 1824)